Verkehr -
Umwelt - Gesundheit
EINLEITUNG
Mobilität
nimmt in unserer Gesellschaft eine dominierende Stellung
ein. Wir alle profitieren davon, dass Menschen und
Güter sehr kostengünstig transportiert werden
können. Doch schon seit den allerersten Erfindungen
motorisierter Mobilität wurden die problematischen
Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und das
Wohlbefinden erkannt, wie dies bereits Arthur Schopenhauer
(1788-1860) formulierte:
«Wer
könnte leugnen, dass niemand etwas den Sinnen
Qualvolleres als die Eisenbahn hervorgebracht hat, die mit
ihrem Rammeln nicht nur ein geistloser Lärmerzeuger
ist, sondern auch freigiebig Russ absondert? In der Tat ist
die Eisenbahn schon in ihrer jetzigen Form eines der
übelsten Dinge, und die Vorstellung, dass sie bald von
jeder Fessel befreit über das Pflaster stampfe, ist
unerträglich. Nicht nur, dass Lärm und Gestank
sich verhundertfachen werden; nicht nur, dass sich die
Anzahl der unter den Rädern des entfesselten
Ungetüms zerquetschten Spaziergänger und Tiere ins
Dutzendfache steigern wird, Russ den Himmel, Unrat die Erde
verunstalten wird, sondern auch die schlimmste Unsitte
dieses Zeitalters, das Reisen, wird zur allgemeinen Raserei
getrieben.»
Schopenhauer hat mehrere der
Gesundheitsauswirkungen des Verkehrs: Luftverschmutzung,
Lärm, Unfälle, psychische und soziale
Einflüsse - die wir in dieser Broschüre
zusammenfassen - schon sehr früh erkannt. Die Probleme
haben sich mit dem Aufkommen des erst nach Schopenhauers Tod
erfundenen Automobils nicht grundsätzlich
verändert.
Zwar haben sich Schadstoff- und
Lärmausstoß der Fahrzeuge laufend verbessert.
doch werden diese Verbesserungen durch die ungebrochene
Zunahme des Verkehrsvolumens mehr als kompensiert.
Beispielsweise in der Schweiz hat in den letzten 50 Jahren
der Personenverkehr ums siebenfache und der
Güterverkehr ums neuneinhalbfache zugenommen.
Dieses Wachstum ist allerdings nicht
gleichmäßig verteilt. Der sogenannte Modalsplit,
der Anteil der Verkehrsmittel an der Gesamtmobilität,
verschiebt sich immer mehr zu Gunsten des individuellen
Straßenverkehrs und des Flugverkehrs und zu Lasten der
Bahn und der körperlich aktiven Fortbewegung mit dem
Fahrrad und zu Fuß. Der Flugverkehr wächst mit
jährlich 7 % bei weitem am schnellsten.
Pro Tag und Person werden im Durchschnitt
drei Reisen unternommen. Die Hälfte davon ist
kürzer als 3 km. 40 %-50 % finden im Rahmen der
Freizeit, knapp 30 % für Arbeits- oder Schulweg und
knapp 20 % zum Einkaufen statt. Die Hälfte aller
Autofahrten sind kürzer als 6 km, ein Drittel
kürzer als 3 Kilometer. ein Achtel sogar kürzer
als 1 Kilometer. EuropäerInnen verbringen
durchschnittlich eine Stunde pro Tag mit Fortbewegung.
In EU Ländern wird rund 14% des
Einkommens für den Personenverkehr ausgegeben.
Die Verkehrsinfrastruktur in der Form von
Strassen und Fahrzeugen verbraucht 20-40 % der nicht
erneuerbaren Rohstoffe wie Zement. Stahl und Aluminium.
Der Verkehr ist für rund 30 % des
Energieverbrauches und damit auch des CO2-Ausstosses verantwortlich. Im
Gegensatz zu anderen Sektoren ist der Energieverbrauch des
Verkehrs stetig im Steigen begriffen, wodurch sich dieser
Prozentsatz noch weiter vergrößern wird. Soweit
zur kurzen statistischen Einführung.
Während unsere Mobilität
unaufhaltsam zunimmt, sind wir körperlich immer weniger
aktiv. Der Bewegungsmangel hat in den Industrieländern
epidemische Ausmaße angenommen: ein Drittel der
Bevölkerung bewegt sich kaum, ein weiteres Drittel in
einem gesundheitlich ungenügendem Mass. Wir haben so
eine unschätzbare Ressource für die nachhaltige
Gesundheit und das Wohlbefinden verloren, denn die
regelmäßige körperliche Bewegung mittlerer
Anstrengung von etwa 30 Minuten an den meisten Tagen der
Woche verringert die Häufigkeit einer Vielzahl von
Krankheiten, wie Herzkreislauf-Krankheiten, Bluthochdruck,
Zuckerkrankheit, Übergewicht, Osteoporose und
Darmkrebs.
Der Rückgang körperlicher
Betätigung im Alltag verläuft seit der Mitte des
zwanzigsten Jahrhunderts umgekehrt zur technologischen
Entwicklung der Mobilität. In Großbritannien fiel
im Straßenverkehr der Anteil der mit dem Fahrrad
gefahrenen Kilometern von 34 % im Jahr 1949 auf 2 %
heute.
Die körperliche Inaktivität hat
dementsprechend große Folgen: Für die Schweiz mit
ihren 7 Millionen EinwohnerInnen wurde kürzlich
geschätzt, dass der Bewegungsmangel jährlich 1,4
Millionen Erkrankungen, knapp 2000 Todesfälle und
direkte Behandlungskosten von über einer Milliarde Euro
verursacht.
Der Hauptteil dieser Broschüre ist einem
Überblick über verschiedene
Gesundheitsauswirkungen des Verkehrs gewidmet. Die
ganzheitliche Betrachtung der Beeinflussung der Gesundheit
durch den Verkehr hinterlässt einen ganz anderen
Eindruck, als eine getrennte Betrachtung der einzelnen
Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen. So werden all zu oft
bei Diskussionen über Luftverschmutzung andere Faktoren
wie Lärm, Klimawandel, Unfälle, fehlende
körperliche Aktivität etc.
vernachlässigt.
Neben den hier genauer beschriebenen
Problemen hat Verkehr durchaus auch noch weitere Folgen, wie
beispielsweise die Abfallproblematik von Altautos, Reifen,
Batterien.
Die Broschüre schließt mit der
zentralen Frage, was jede und jeder von uns persönlich
tun kann und mit den politischen Forderungen der
Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz.
INHALTSVERZEICHNIS
- Vorwort
- Einleitung
- Luftverschmutzung
- Verkehrslärm
- Verkehrsunfälle
- Klimawandel
- Auswirkungen des Verkehrs auf die psychische Gesundheit
und das Wohlbefinden
- Gesundheitlicher Nutzen regelmäßiger
körperlicher Bewegung
- Politische und wirtschaftliche Aspekte von Verkehr, Umwelt
und Gesundheit
- Was kann ich tun?
- Weiterführende Texte
- International Society of Doctors for the Environment
ISDE
- Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt
Österreich
- Die Wiener Umweltanwaltschaft
- Nachwort
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